Kein Schutzraum gegen Cybergewalt - Neue Herausforderungen für AWO Frauenschutzeinrichtungen

17.02.2016

Frauenhauskonferenz auf der Suche nach Wegen gegen digitale Gewalt. Landesregierung sagt Unterstützung zu. Medienethik ist gefragt!

Vor der Zeit der Smartphones boten Frauenhäuser Schutz an geheim gehaltenen Adressen. Heute muss als erstes die Ortungsfunktion des Handys deaktiviert werden, wenn eine Frau vor der physischen Gewalt geflohen ist. Dann kann sie erst einmal nicht mehr aufgespürt werden, aber der Gewalt in den sozialen Medien ist sie damit noch nicht entflohen. Sicherheit muss neu gedacht werden stellt Xenja Winziger vom AWO Bezirksverband in der Moderation klar. Viele neue Herausforderungen stellen sich an die rd. 80 Mitarbeiterinnen in den Schutzeinrichtungen, wie auf der 4. Fachtagung der NRW-Frauenhauskonferenz, einem Bündnis aus AWO, Caritas, Diakonie und Der Paritätische sowie die LAG Autonomer Frauenhäuser, in Dortmund deutlich wurde. Technische, rechtliche und nicht zuletzt Fragen der Medienkompetenz und -ethik müssen beantwortet werden. Unterstützung dabei versprach die Staatssekretärin im NRW-Gesundheitsministerium, Martina Hoffmann-Badache: Dieser Problematik werde ein eigenes Kapitel im Landesaktionsplan "Gewalt gegen Frauen" gewidmet werden.

Mit hohem Interesse folgten die AWO-Mitarbeiterinnen dem Thema und nahmen viele hilfreiche Hinweise für ihren Alltag mit den betroffenen Frauen und Kindern mit. Die Formen der Cybergewalt sind vielfältig und reichen von der sexuellen Belästigung über Mobbing bis zu massiver Bedrohung. Sowohl die physische als auch die psychische Gesundheit ist davon bedroht, so Hoffmann-Badache. Gut drei Viertel der Opfer seien Frauen. Dabei sei das Internet kein rechtsfreier Raum und insofern zu überlegen, wie das Recht in diesem Bereich weiter entwickelt werden könne. Entsprechende Beschlüsse dazu seien auf der Ebene der Länderministerien gefasst und müssten jetzt umgesetzt werden.

Fluch und Segen der sozialen Medien zeigte die Hamburger Diplompädagogin Carmen Kerger-Ladleif an Zahlen auf. 51 Millionen Fotos werden jeden Tag in Deutschland bei Instagram hochgeladen, weltweit seien zu jeder Zeit 750.000 Pädokriminielle im Netz unterwegs und 45 Prozent der Mädchen und Frauen fühlten sich schon einmal online sexuell belästigt. Andererseits böten die modernen Medien neue Kommunikationschancen. Doch dazu brauche es Medienkompetenz, für die der Grundstein früh gelegt werden müsse.

Denn auch Cybergewalt beginnt früh und gefährdet insbesondere Heranwachsende, so Kerger-Ladleif. Einmal geführte Chats oder hochgeladene Fotos und Videos seien nicht mehr oder nur unter hohem Aufwand wieder aus dem Netz zu entfernen. Da gebe es keinen Schutzraum mehr: "Digitale Gewalt ist dokumentierte Gewalt," stellte Kerger -Ladleif fest.

Umso wichtiger ist Schnelligkeit. Die Medienrechtlerin Astrid Ackermann aus Frankfurt empfahl den Mitarbeiterinnen der Frauenhäuser, möglichst zeitnah Daten löschen zu lassen und dafür gegebenenfalls die Hilfe der Schwerpunktdezernate der Kriminalpolizei zu suchen. Insgesamt berühre Cybergewalt mehrere Rechtsbereiche und sei komplex. Die Möglichkeit einer straf- oder zivilrechtlichen Verfolgung scheitere häufig daran, dass die Täter nicht aufzuspüren seien. In der Praxis der beiden AWO. Frauenhäuser wird immer deutlicher das Gewaltschutz für die Frauen und Kinder anders in den Blick genommen werden muss.

Neben den rechtlichen Aspekten werden sich die Frauenhäuser mit der Vorbeugung beschäftigen müssen, erklärte die Medienpädagogik Michaela Brauburger. Es müsse eine neue Haltung im Umgang mit den Medien entwickelt werden. Es gelte zum Beispiel, ein Foto nicht nur deshalb hochzuladen, weil das technisch möglich sei, sondern "es gerade nicht zu tun, obwohl es geht".

Verbreiteten sich neue Apps und Netzwerke, müssten die Mitarbeiterinnen sie nicht selbst nutzen, aber sich damit beschäftigen, um gegebenenfalls eingreifen oder vor Gefahren warnen zu können, so Brauburger. Hilfreich sei dabei, dass das Internet nicht nur Probleme verursache, sondern auch viele Informationen zu deren Lösung anbiete.

Die Arbeit in den AWO- Frauenhaus muss sich ändern, die digitale Welt nimmt Einzug in die Beratungsarbeit. Die Sicherheit von Menschen in Netzwerken ist hier zu achten, so das Fazit der Expertinnen.

Ansprechpartnerin:
Xenja Winziger
Referat Kinder-, Jugend- und Familienhilfe
Kronenstr. 63-69
44139 Dortmund
Tel.: 0231/5483-299
Email: xenia.winziger@awo-ww.de

frauenhaus

(Staatssekretärin des MGEPA NRW Frau Hoffmann-Badache)

frauenhaus

(Expertin für virtuelle Gewalt im Netz: Carmen Kerger-Ladleif)

frauenhaus

Weitere Nachrichten

Meldung vom 14.07.2021
Alle 76 Bewohner bleiben unverletzt und ziehen in umliegende Seniorenzentren weiterlesen
Meldung vom 12.07.2021
Ein Auftrag der Bundesregierung aus der Koalitionsvereinbarung war der Rechtsanspruch auf eine Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder. In der letzten Bundesratssitzung vor der Wahl wurde der Entwurf abgelehnt und in den Vermittlungsausschuss überwiesen. Ob dieser noch tätig wird, ist ungewiss. weiterlesen
Meldung vom 07.07.2021
Mit dem 2019 beschlossenen Teilhabechancengesetz wurde ein arbeitsmarktpolitischer Paradigmenwechsel vollzogen: Weg vom Vorrang kurzer Qualifizierung, schneller Vermittlung und hohem Sanktionsdruck, hin zur „Schaffung neuer Teilhabechancen für Langzeitarbeitslose auf dem allgemeinen und sozialen Arbeitsmarkt“. weiterlesen
Meldung vom 01.07.2021
Am 1. Juli feiert der Bundesfreiwilligendienst (BFD) sein zehntes Jubiläum. Die Arbeiterwohlfahrt ist seit seiner Einführung 2011 als BFD-Zentralstelle, Träger der Bildungsarbeit und mit ihren Einsatzstellen vor Ort beteiligt. weiterlesen
Meldung vom 01.07.2021
So, so. Der Pott soll jetzt also Weltkulturerbe werden. Zumindest wenn es nach Ina Scharrenbach geht. Dabei ist die so gar kein Fan von Industriekultur. Alles nur Getue, meint der Steiger. weiterlesen
Meldung vom 24.06.2021
Solidarität ist unsere Stärke: Alleinerziehende nicht alleine lassen! – mit diesem Titel und zugleich Anspruch hat die AWO NRW seit 2017 mehrere Initiativen auf den Weg gebracht, an die wir auch in diesem Jahr weiter anknüpfen möchten. weiterlesen
Meldung vom 24.06.2021
Wohlfahrtsverbände sehen neue Nöte am Arbeitsmarkt: Die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist nach 14 Monaten Corona-Krise sprunghaft gestiegen. weiterlesen
Meldung vom 18.06.2021
Die Freie Wohlfahrtspflege NRW appelliert an Landes- und Bundesregierung, wieder Geflüchtete aufzunehmen, die zu unerträglichen Bedingungen in griechischen Lagern ausharren. weiterlesen
Meldung vom 14.06.2021
Die LAGÖF NRW – der Zusammenschluss von Trägern der freien und öffentlichen Wohlfahrtspflege in Nordrhein-Westfalen – begrüßt das geplante Aufholpaket des Bundes für Kinder und Jugendliche nach der Pandemie, hält dieses aber perspektivisch für nicht ausreichend. weiterlesen
Meldung vom 07.06.2021
Bundesweite Aktionswoche vom 7. bis 11. Juni rückt Einzelschicksale in den Fokus weiterlesen