„Das Patriarchat hat ausgeschissen.“

29.04.2019

Der Auftritt von Konstantin Wecker wird ein Höhepunkt der 100-Jahr-Feier in Dortmund sein. Vom 30. August bis 01. September steht die Innenstadt ganz im Zeichen der AWO.  Der Liedermacher spielt am Samstagabend um 20.30 Uhr auf dem Friedensplatz. Wir trafen den 71-Jährigen vorab in Bochum zum Interview.

Als Reaktion auf fremdenfeindliche Anschläge haben Sie vor fast 30 Jahren das Lied „Sag nein!“ geschrieben. Heute sitzt mit der AFD eine rechtspopulistische Partei im Bundestag. Sind Sie es eigentlich manchmal Leid zu protestieren?

Konstantin Wecker: Ich hätte mir damals nicht vorstellen können, dass es so weit kommt – unfassbar. In einem Interview gemeinsam mit Hannes Wader wurden wir mal gefragt: „Jetzt singt ihr seit 40 Jahren für eine gerechtere Welt. Es hat doch nichts genützt, oder?“ Hannes  hat entgegnet: „Wenn es die vielen Mosaiksteinchen, zu denen wir gehören, nicht gäbe, dann sähe sie noch schlechter aus. Garantiert.“ Ich glaube, dass die Poesie, die Kultur und die Musik im Laufe der Jahrtausende eben doch sehr viel erreicht hat. Auch wenn es immer Rückschläge gab. Aber vielleicht sähe die Welt wirklich noch viel entsetzlicher aus.

Noch entsetzlicher?

Es ist schlimm im Moment. Wenn wir an den Klimawahnsinn denken: Vor kurzem wurde ein Walfisch mit 40 Kilo Plastik im Magen gefunden. Trotzdem gibt es immer noch Menschen, die abstreiten, dass wir an der Umweltverschmutzung und am Klimawandel beteiligt sind. Es ist schon irre. Jeder Ansatz von Menschlichkeit wird sofort erstickt mit pragmatischem, angeblich vernünftigem Geschwätz. Wenn Christian Lindner sagt, man müsse die Klimapolitik den Profis überlassen, dann würde ich den Herrn Lindner gerne fragen: „Wer hat denn bitte den Zustand der Erde so hergerichtet? Die Profis. Es waren nicht die Schüler und nicht die Amateure!“

Was braucht es, um die Welt zu verbessern?

Früher hat man geglaubt, man bräuchte einfach die richtige Ideologie, um die Welt zu retten. Wir haben im vergangenen Jahrhundert gesehen, dass alle Ideologien gescheitert sind. Was aber nicht scheitern wird: Wenn wir uns endlich als Gemeinwesen wiederentdecken. Es bringt nichts, wenn ein Einzelner eine Theorie entwickelt und glaubt, damit Milliarden von Menschen beglücken zu können. Das wird nicht funktionieren. Wir müssen es zusammen tun. Ich bezeichne das als eine spirituelle Revolution, auch wenn das manchen zu esoterisch klingt. Es muss eine Revolution des Herzens sein.

Schöne Überleitung zur AWO. Wir werden in diesem Jahr 100 Jahre alt. Die AWO wurde von einer Frau gegründet und ist in ihren Wurzeln weiblich. Sie fordern, dass die Welt weiblicher werden muss. Wie meinen Sie das?

Ich meine damit, dass das Patriarchat ausgeschissen hat. Zehntausend Jahre Patriarchat – jetzt müssen wir endlich erkennen, dass es so nicht mehr weiter geht. Dass wir heute in den Städten kaum noch atmen können, haben wir dem männlich geprägten Denken zu verdanken. Auch in der Weltpolitik gibt es leider noch zu viele Machos:  etwa den türkischen Staatschef Erdogan oder Donald Trump. In meinem Lied „Willy“ bezeichne ich solche Typen als „das hoffentlich letzte Aufbäumen des Patriarchats“.  Das Weibliche ist ein wichtiger Teil von uns – das habe ich in den Jahren gelernt. Wir sollten wieder spüren, dass etwas in uns ist, das über den Verstand hinaus reicht. Deshalb liebe ich die Poesie. Rilke zeigt mir in jedem seiner Gedichte, dass es etwas Unbegreifliches gibt, das wir mit der Ratio nicht erfassen können.

Sie haben auch mal gesagt, dass dieser Gesellschaft das Mitgefühl fehlt…

Für mich ist Mitgefühl die größte Errungenschaft des Homo Sapiens. Das wurde uns in den vergangenen Jahren bewusst geraubt. Wir wurden verunglimpft als Gutmenschen, uns wurde Weichheit vorgeworfen. Das beste Beispiel ist die Willkommenskultur. Ganz viele Menschen haben sich für Geflüchtete eingesetzt. Und nach ein paar Monaten haben gewissenlose Potentaten versucht, uns das auszureden. Ich begegne heute immer wieder Menschen, die trotz allem weiter in der Flüchtlingshilfe arbeiten. Unbeirrbar - obwohl ihnen ein starker Gegenwind entgegenweht. Ich finde das bewundernswert. Das ist für mich der Ansatz für eine spirituelle Revolution.

In meinem Lied über die weiße Rose habe ich geschrieben, dass es darum geht, überhaupt etwas zu tun und nicht unbedingt darum, zu siegen. Wir können etwas verändern! Aber nur Schritt für Schritt. Wenn ich immer nur das große Ganze im Blick habe, dann muss ich aufgeben.

Hass und diese dumpfe völkische Wahnideologie führen uns weit weg von uns selber. Hass macht nicht glücklich. Der Mystiker Rumi hat gesagt: „Hass ist, als wenn man sich selbst jeden Tag ein Messer in den Bauch sticht in der Hoffnung, den anderen damit zu töten.“

Sie engagieren sich gegen Fremdenhass. Ein Blick nach Europa: Haben Sie Angst, dass Rassisten bald wieder in Europa regieren?

Natürlich. Wer sich mit 1933 beschäftigt hat, sieht viele Parallelen und weiß, dass es schnell gehen kann. Die Situation zeigt leider, wie schwach die europäische Sozialdemokratie ist. Sie hat versagt, indem sie sich dem Neoliberalismus angebiedert hat. Der so genannte kleine Mann glaubt, die AFD vertrete seine Interessen. Das ist natürlich Schmarrn, weil die Nazis die Büttel des Großkapitals waren - die AFD ist genauso.

Ein paar Worte zur AWO…

Ihr feiert 100 Jahre Menschlichkeit, das ist mir natürlich sehr sympathisch. Ich stelle die Menschlichkeit über alle Ideologien.

Können Sie schon etwas zum Konzert in Dortmund verraten?

Ich werde mit meiner politischen Meinungen nicht hinterm Berg halten. Aber ich bin der Meinung, dass Musik auch die Seele berühren sollte. Mit Poesie erreicht man das Innere des Menschen besser, als mit einer politischen Rede. Darin sehe ich die große Chance der Musik. Natürlich werde ich in Dortmund die Liebe nicht außen vor lassen. Am liebsten würde ich nur Liebeslieder schreiben – aber zwischendurch kriege ich dann halt doch immer wieder die Wut!

Konstantin Wecker, 1947 in München geboren, zählt zu den vielseitigsten Künstlerpersönlichkeiten im deutschsprachigen Raum. Der Liedermacher, Poet, Schauspieler und Komponist hat die Höhen und Tiefen seines Lebens in zahlreichen Liedern, Gedichten und Theaterstücken verarbeitet. Für sein politisches Engagement wurde Wecker mehrfach ausgezeichnet. Auf der 100-Jahr-Feier der AWO spielt Konstantin Wecker am Samstag, 31. August, um 20.30 Uhr auf dem Friedensplatz in Dortmund.

Der Eintritt ist frei.

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